Rheinische Post vom 10.08.2022
Text: Stephan Vallata
Foto: Renate Resch
Wegberg Kfz-Mechatroniker Nicolas Fischer restauriert klassische Porsche bei Grenzlandring Motors. Am Dienstag ist er in die USA geflogen, um für ein Jahr an einem Austauschprogramm des Deutschen Bundestages teilzunehmen.
Am Dienstag ist ein guter Tag zum Abheben – im buchstäblichen Sinn, nicht im übertragenen. Wenn Nicolas Fischer in den Flieger steigt, um über den Großen Teich ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu reisen, hat er eine ganze Menge Sehnsucht im Gepäck. Sehnsucht nach etwas, das Menschen seit mehr als 100 Jahren den amerikanischen Traum nennen. Er besteht aus dem Gefühl von Freiheit, dem Streben nach Erfolg, dem unerschütterlichen Glauben an den Fortschritt und harter Arbeit. Ob es ihn wohl noch gibt? Nicolas Fischer wird’s erfahren.
„Ich glaube, es wird eine richtig geile Zeit“, sagt der 23-Jährige Wegberger, der vor Kurzem seine Ausbildung zum Mechatroniker bei Grenzlandring Motors von Harald Jülicher beendet und bis zum vergangenen Freitag Oldtimer der Marke Porsche restauriert hat. Dieses Leben tauscht er als Stipendiat des Parlamentarischen Patenschafts-Programms (PPP) ein gegen ein Abenteuer, das ihn für ein Jahr von Frankfurt über Washington D.C. bis nach Lincoln in den US-Bundesstaat Nebraska führen wird. Der Deutsche Bundestag ermöglicht dies neuerdings nicht nur Schülern, sondern auch jungen Berufstätigen wie Nicolas Fischer. Er sagt: „Ich wollte schon immer mal nach Amerika. Als Schüler hätte es aber nicht funktioniert, in einer 70-Quadratmeter-Wohnung Gegenbesuch unterzubringen.“
Ins PPP aufgenommen zu werden, ist kein leichtes Unterfangen. Pro Jahr und Wahlkreis haben nur ein Schüler und ein junger Berufstätiger die Möglichkeit, das begehrte Stipendium zu erhalten. „Ich wünsche Nicolas ein tolles Jahr mit vielen schönen Eindrücken und positiven Erlebnissen. Ich hoffe, dass er das Austauschjahr noch sehr lange in guter Erinnerung behalten wird“, sagt Bundestagsabgeordnete Wilfried Oellers (CDU), der dem Stipendiaten nach einem aufwendigen Bewerbungsverfahren die freudige Nachricht übermittelte. Dazu gehörte zum Beispiel ein Online-Assessment-Center, an dem Bewerber aus ganz Deutschland teilnahmen. Die gemeinnützige Austauschorganisation Cultural Vista ermittelt geeignete Kandidaten, die endgültige Auswahl trifft der jeweilige Parlamentarier in seinem Wahlkreis.
„Ich hatte schon ein gutes Gefühl“, erinnert sich Nicolas Fischer. Doch schätzte er seine Chancen aufgrund der vielen Bewerber als nicht besonders hoch ein. Umso überraschte war er, als Wilfried Oellers ihn an einem Freitagabend im Januar anrief. Nach seinem Abitur am Cusanus-Gymnasium Erkelenz hat er eine Ausbildung im Porsche-Zentrum in Willich begonnen und ist später in den Betrieb von Harald Jülicher gewechselt, um seine Ausbildung zum Mechatroniker abzuschließen – als Prüfungsbester der Handwerkskammer Krefeld, worauf sein Chef nicht ohne Stolz hinweist. Harald Jülicher hat zwischen 1988 und 1993 selbst fünf Jahre in Florida gelebt und unterstützt das Vorhaben seines jungen Mitarbeiters. Eine Weiterbeschäftigung nach dessen USA-Aufenthalt ist fest eingeplant.
Grenzlandring Motors hat sich auf einzigartige Umbauten alter Porsche spezialisiert. Der neueste Trend besteht darin, klassisches Design mit moderner Technik zu kombinieren. In Fachkreisen spricht man von sogenannten „Restomods“. Zu den Kunden der Werkstatt zählen auch Vorstände aus DAX-Konzernen.
Zwei Bedingungen hatte Nicolas Fischer ursprünglich an seinen USA-Aufenthalt geknüpft: „Ich wollte auf keinen Fall in eine Familie, die ultrareligiös ist, und am liebsten an die Küste.“ Mit der Küste hat es letztlich nicht geklappt, denn Nebraska liegt im Mittleren Westen, doch die bisherigen Kontakte mit seinen Gasteltern verliefen vielversprechend. Nach seiner Ankunft in Washington D. C. wird er an einem Einführungsseminar mit den 75 Stipendiaten aus Deutschland teilnehmen und ab dem 22. August bis zum 16. Dezember das College in Lincoln, der Hauptstadt von Nebraska, besuchen.